Kommentar: Care-Arbeit ist keine Privatsache

1. Die Realität: Teilzeit aus Notwendigkeit, nicht als „Lifestyle“

Die aktuelle Debatte um „Lifestyle-Teilzeit“ verkennt die Realität österreichischer Menschen, die Care-Arbeit leisten. Während die Politik mehr Leistung fordert, arbeiten über 50 % der Frauen in Teilzeit – meist nicht aus Bequemlichkeit, sondern mangels Alternativen. Bei 40 % der Frauen sind Betreuungspflichten der Hauptgrund für reduzierte Stunden, bei Männern sind es lediglich 8 %.

Quelle: Statistik Österreich – Gender Statistik 2024

2. Die strukturelle Falle: Karriereknick und Netzwerkverlust

Wer früher geht, um Kinder zu betreuen oder Angehörige zu pflegen, verliert den Anschluss.

  • Informelle Netzwerke: Wer bei späten Meetings fehlt, gilt oft als „weniger engagiert“ und wird von Beförderungen ausgeschlossen.
  • Systemische Ungleichheit: Die Analyse von Claudia Goldin zum Gender Pay Gap hat ergeben, dass „Rund-um-die-Uhr-Verfügbarkeit“ überproportional hoch belohnt wird – ein Modell, das Männer begünstigt und Frauen, die die Hauptlast der Care-Arbeit tragen, systematisch benachteiligt.
  • Einbahnstraße Teilzeit: Oft gibt es aus betrieblichen Gründen keinen Weg zurück in die Vollzeit, was Frauen dauerhaft in einer beruflichen Sackgasse festhält.

Quelle: Statistik Österreich – Gender Statistik 2024

3. Die harten Konsequenzen: Finanzielle Abhängigkeit und Altersarmut

Die vermeintliche „Vereinbarkeit“ wird teuer erkauft:

  • Gender Pay Gap: Frauen verdienen rund 18 % weniger als Männer, was Teilzeit für sie finanziell „logischer“ macht.
  • Gender Pension Gap: Das bittere Ende eines Arbeitslebens in Teilzeit ist eine um 40 % geringere Pension. Alleinlebende Pensionistinnen tragen ein doppelt so hohes Armutsrisiko wie Männer.    

Quelle: Statistik Österreich – Gender Statistik 2024

4. Politische Forderungen: Strukturwandel statt Vorwürfe

Die Politik darf die Last der Care-Arbeit nicht länger als privates Problem abtun. Es braucht:

  • Infrastrukturausbau: Flächendeckende, kostenlose Ganztagsbetreuung, die auch über 16 Uhr hinaus und in den Ferien funktioniert.
  • Politik in die Pflicht nehmen: Steuerliche Anreize für Familienarbeitszeit-Modelle (z. B. beide arbeiten 30 Stunden) und ein kultureller Wandel.
  • Vorbild Skandinavien: Länder wie Schweden zeigen, dass „Loud Leaving“ (pünktliches Gehen von Führungskräften) und eine starke Work-Life-Balance den Wohlstand nicht gefährden, sondern die Gesellschaft entlasten.

Quelle: derStandard.at: Das sind die Länder mit der besten Work-Life-Balance

Fazit: 

Solange Frauen die Betreuungslast zum Großteil allein tragen, bleibt echte Vereinbarkeit eine Illusion. Die Politik muss Rahmenbedingungen schaffen, die Care-Arbeit als gemeinschaftliche Aufgabe verankern.