Auszeit-WG: Fachliche Debatte durch politische Symbolpolitik ersetzt?

von Manuel Riß und Martha Davis


Mit der sogenannten Auszeit-WG ist nun Realität geworden, was vor etwas mehr als einem Jahr als politische Ankündigung und vermeintliche Antwort auf Jugendkriminalität präsentiert wurde.

Aus Sicht der UG*younion bleibt jedoch eine zentrale Frage offen: Wurde hier tatsächlich eine fachlich fundierte Lösung entwickelt, oder wurde eine populäre Forderung aus der politischen Debatte umgesetzt, ohne zuvor einen breiten fachlichen Diskurs zu führen?

Die Diskussion über strafunmündige Kinder und Jugendliche wurde in den vergangenen Jahren stark von Schlagzeilen und Zeitungsartikeln – in höchst unterschiedlicher Qualität – über sogenannte „Intensivtäter“ geprägt. Der Ruf nach härteren Maßnahmen wurde lauter, während sozialarbeiterische, pädagogische und kinderrechtliche Perspektiven im öffentlichen Diskurs zunehmend in den Hintergrund rückten.

Gerade deshalb wäre es notwendig gewesen, vor der Umsetzung grundlegende fachliche Fragen offen und transparent zu diskutieren:

❓ Welche Ziele verfolgt die Maßnahme?
❓ Für welche Kinder ist sie gedacht?
❓ Welche fachlichen Konzepte liegen zugrunde?
❓ Wie wird der Erfolg gemessen?
❓ Welche Alternativen wurden geprüft?
❓ Welche besonderen Qualifikationen und Unterstützungsmaßnahmen braucht das Personal?

Bis heute sind diese Fragen nur unzureichend beantwortet. Weder wurde ein umfassendes Konzept veröffentlicht, noch sind die Beschäftigten der Wiener Kinder- und Jugendhilfe, die teils seit Jahren mit eben diesen Kindern und Jugendlichen und deren Familien arbeiten, über die fachlichen Grundlagen und die konkrete Umsetzung informiert. Das meiste, was bekannt ist, stammt aus Medienberichten und politischen Ankündigungen. Für ein Projekt mit derart weitreichenden Auswirkungen auf Kinder, Jugendliche und deren Familien ist das aus unserer Sicht zu wenig.

⚠️ Besonders problematisch erscheint dabei das Bild, das in der öffentlichen Debatte gezeichnet wurde. Die Diskussion der vergangenen Monate vermittelte mitunter den Eindruck, als stünde eine kleine Gruppe „krimineller Kinder“ im Mittelpunkt, die sich jeder Hilfe entzieht und deshalb härtere Maßnahmen benötigt.

Dadurch wird jedoch ausgeblendet, dass diese Kinder oftmals bereits einen langen Weg durch unterschiedliche Hilfesysteme hinter sich haben und vielfach mehr Beziehungsabbrüche als stabile Bezugspersonen erlebt haben. Die Wiener Kinder- und Jugendhilfe kennt die Kinder und Jugendlichen, die medial als „Intensivtäter“ beschrieben werden, meist seit Jahren. Es handelt sich nicht um Kinder, die plötzlich „kriminell geworden“ sind.

Vielmehr kennen wir oftmals lange Biografien von Belastungen, Vernachlässigung, Gewalterfahrungen, psychischen Krisen und mehrfachen Beziehungsabbrüchen.

Auch kennen wir den Ressourcenmangel, der dazu führt, dass häufig keine zeitnahen und/oder fachlich geeigneten Unterstützungsangebote zur Verfügung stehen und Maßnahmen oftmals erst dann gesetzt werden, wenn sich die Auswirkungen dieser Erfahrungen durch externalisierendes Verhalten manifestieren.

Im Rahmen der Unterstützung der Erziehung steht den Sozialarbeiter*innen der WKJH keine einzige ambulante Ressource zur Verfügung, die auf die Betreuung von Jugendlichen spezialisiert ist.

Wie Medienberichten zu entnehmen war, wurden viele dieser Kinder bereits durch unterschiedliche Hilfesysteme begleitet, waren zum Großteil schon in Voller Erziehung und haben wiederholt Wechsel von Einrichtungen, Schulen oder Betreuungspersonen erlebt. Nicht selten fehlt ihnen genau das, was für eine positive Entwicklung entscheidend wäre:

🤝 verlässliche Beziehungen
📍 Kontinuität
💚 stabile Bezugspersonen

🎯Erreichbare Zukunftsperspektiven

Auch die internationale und deutschsprachige Fachdiskussion weist darauf hin, dass junge Menschen in freiheitsbeschränkenden Einrichtungen häufig bereits zahlreiche Betreuungsabbrüche, komplexe Problemlagen und Erfahrungen des Scheiterns im Hilfesystem hinter sich haben. Gleichzeitig wird dort betont, dass Delinquenz allein keine ausreichende Begründung für freiheitsbeschränkende Maßnahmen darstellt und dass zunächst die strukturellen Ursachen und Defizite bestehender Hilfesysteme kritisch hinterfragt werden müssen.1

Aus fachlicher Sicht stellt sich daher die Frage, ob die Auszeit-WG tatsächlich eine Antwort auf die Bedürfnisse dieser jungen Menschen ist oder ob sie vor allem gesellschaftlichen und politischen Erwartungen nach einem sichtbaren Handeln entspricht.

Die Herausforderungen im Umgang mit hochbelasteten Kindern und Jugendlichen sind real. Niemand bestreitet, dass es Situationen gibt, in denen bestehende Angebote an ihre Grenzen stoßen. Die Frage, wie wir diese schaffen, darf aber nicht von populistischen Forderungen bestimmt werden, sondern muss sich an fachlichen Erkenntnissen und am Kindeswohl orientieren. Gerade deshalb braucht es eine sorgfältige fachliche Auseinandersetzung, ausreichende Ressourcen, wissenschaftliche Begleitung und eine laufende Evaluierung neuer Maßnahmen.

❗ Was es nicht braucht, sind Lösungen, die unter dem Druck öffentlicher Debatten entstehen und deren fachliche Grundlagen erst nach ihrer Umsetzung diskutiert werden.

Kinder brauchen Beziehungen statt Symbolpolitik, die UG*younion fordert daher weiterhin:

✅ einen offenen fachlichen Diskurs über die Auszeit-WG

✅ Transparenz über die zugrunde liegenden Konzepte

✅ eine wissenschaftliche Begleitung der Maßnahme

✅ den Ausbau ambulanter, sozialpädagogischer, sozialarbeiterischer und therapeutischer Angebote, die auf die besondere Lebenssituation von Jugendlichen spezialisiert sind

✅ fachliche Überlegungen sowie konkrete Maßnahmen zur Erhöhung der Betreuungs- und Beziehungskontinuität in der Vollen Erziehung

1 Lengauer, Monika: Freiheitsentziehende Unterbringung junger Menschen – Erfahrungen und fachliche Standpunkte aus Deutschland. In: Quivive: Für eine reflexive Kinder- und Jugendhilfe – Praxis. Themen – Thesen – Theorien; Nummer 1 – Mai 2025; Hrsg. FICE Austria